Analoge Fotografie

„Deine ersten zehntausend Fotografien werden deine schlechtesten sein.“ Als Henri Cartier-Bresson diesen Leitsatz prägte, konnte er nicht ahnen, wie ungemein leicht es in der Gegenwart für jeden Fotografie-Fan werden würde, eine solche Anzahl von Sofortbildern zu erzielen. Die Sentenz garantiert dabei keineswegs, dass Aufnahme Nr. 10.001 den Auftakt zu einer Serie von guten Fotografien bildet, und möglicherweise wird der Großteil von ihnen keinerlei künstlerischen oder publizistischen Wert haben, nicht einmal einen sentimentalen. Das Wiederholen desselben fotografierten Motivs erschöpft den Sinn fürs Überraschende, die Emotion, die Lust am Betrachten, die Spannung. Jenseits der Arbeit der Profis, denen die digitale Technologie große technische und ökonomische Erschwernisse erleichtert, was auch für die immer kundigeren Amateure, die das Bild unabhängig von seinem Träger pflegen, gilt – die Mehrheit von uns fotografiert weiterhin mit mobilen Geräten, digitalen Kompaktkameras, professionellen oder halbprofessionellen Spiegelreflexkameras und häuft so Tausende von Aufnahmen bedeutender oder gänzlich banaler Ereignisse aus unserem Leben an. Fotos, auf die wir einen flüchtigen Blick werfen und die wir dann lange Zeit nicht mehr betrachten werden. Wir speichern sie auf einer Festplatte oder verbreiten sie über unsere sozialen Netzwerke, manchmal ohne jedes Schamgefühl und nur mit der Absicht die Tatsache anzuzeigen, dass wir irgendwo waren oder mit einer bestimmten Person, sieh her, wie glücklich ich bin, welche Reise ich unternommen habe, was ich mich traue zu tun. Das alles sind unbedingt legitime und respektable Motive, vielleicht auch etwas langweilige, wenn so viele Leute ihr Glück und ihren Wagemut fotografiert und davon augenblicklich Kunde gibt.

Wenn die Rede von der analogen Fotografie ist, von der Rückkehr der analogen Fotografie, dann spricht man vom Vergnügen des Fotografen, wie er seine Tätigkeiten verlangsamt bei der Vorbereitung des Equipments, beim gedanklichen Abschätzen des Verhältnisses zwischen Empfindlichkeit, Verschlusszeit und Blende, beim Wählen des Bildausschnitts, bei der Aufnahme des Fotos, bei der Entwicklung des Negativs, bis schließlich das Positiv vorliegt. Oft wird vergessen, dass dies auf der einen Seite nie gänzlich verschwunden war, und andererseits das Vergnügen desjenigen, der die Fotografie lediglich betrachtet, der selbst kein Fotograf ist, aber den Prozess versteht, der dazu geführt hat, dass dieses Bild nun vor seinen Augen liegt. Zwischen der Liebe und der analogen Fotografie gibt es eine Brücke, die beide miteinander verbindet: die Chemie.

 

Eine Handvoll Abenteurer, die das unternehmerische und das künstlerische Element in sich vereinen, hat sich vorgenommen, der verwelkten Existenz der analogen Fotografie wieder Leben einzuhauchen. Der größte Teil von ihnen unter Einbeziehung digitaler Technologien.

Das ist der Fall bei Lorena Morín und Ary van Giesen, die vor knapp zweieinhalb Jahren  La Shop in Las Palmas de Gran Canaria eröffneten, ein Geschäft für analoge Fotografie, das überlebt hat, indem es die Fans aller Kanarischen Inseln mit Kameras und Zubehör, Filmen, Papier und Chemikalien, zudem mit Fachliteratur versorgte. Lorena und Ary folgten der Gegenströmung anderer Gleichgesinnter, die entschieden hatten, mitten im Niedergang des Analogen und während des Aufschwungs der digitalen Technologie mit ihren Projekten weiterzumachen und sogar neue und risikoreiche Unternehmungen anzugehen.

Im selben Kontext erscheint Impossible Project, das Abenteuer anderer Visionäre, die im selben Jahr, in dem Polaroid beschlossen hatte, keine Filme mehr zu produzieren, mit ihrer eigenen Produktion begannen. Sie kauften der Firma einen Teil der notwendigen Maschinen ab und mieteten eine ihrer Produktionsstätten, die sie in Enschede, Holland, unterhalten hatte. Seit 2008 und bis heute konnten sie das Projekt in der ganzen Welt ausweiten mit Hilfe von Vertriebsstätten für ihre Produkte, zu denen auch La Shop in Gran Canaria gehört und in denen Filme für Polaroid-Kameras, von Experten überholte klassische Kameras und Adapter für die Nutzung der Polaroid-Technologie in Mobiltelefonen mit Kamera angeboten werden.

La Shop bietet der Kundschaft auch Produkte anderer Marken wie Ilford oder Fuji an, darüber hinaus hat es sich zu einem interessanten Treffpunkt für Profis und Amateure entwickelt, um über Fotografie zu debattieren oder sie zu kommentieren. Lorena und Ary organisieren auch Workshops mit namhaften nationalen wie internationalen Fotografen, mit deren Hilfe sie eine Brücke zwischen einheimischen und auswärtigen Künstlern bauen möchten, um die Kreativität und die Foto-Produktion auf den Inseln zu fördern. Dafür stellt La Shop seine Räumlichkeiten zur Verfügung und zieht um in die Calle Cano. Das nächste Treffen wird im März dieses Jahres mit dem französischen Fotografen  Antoine D´Agata stattfinden.

 

Projekte wie La Shop nähern uns an die Problematik an, die sich vor jedem Fotografen heutzutage auftut: die Wahl zwischen dem einen oder anderen Träger, chemisch oder digital, teuer oder preisgünstig, markenbewusst oder populär. Aber die Wirklichkeit ist eigenwillig und bemüht sich, beide Technologien miteinander auskommen zu lassen. Genau so, wie das digitale und das gedruckte Buch, die Musik auf mp3 oder auf Vinyl, das Kino im Internet oder auf der großen Leinwand koexistieren.

Entscheidend ist vermutlich, worauf man in jedem Moment Lust hat. Aber dass man die Möglichkeit hat, erneut den Verschluss einzustellen, oder die Blende, dass man daran denken muss, dass nur noch drei oder vier Bilder auf der Rolle sind, dass man das Bild entwerfen muss, seine Komposition, warten, beobachten, herumlaufen, entscheiden muss. Dass man auf den Auslöser drückt und sich dann entfernt voller Spannung, bis das Bild auf dem Negativ erscheint und dann auf dem Papier, nach und nach, unter dem schwachen Rotlicht, die Schale in Bewegung, bis der Entwickler allmählich das fertige Bild erscheinen lässt. Von den vier Fotos, die noch auf der Rolle waren, ist eines nicht übel. Dieser Akt macht den Genuss am analogen Bild aus, das anders ist als ein digitales, aber beide in größter Schönheit und Vereinbarkeit.

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